Ohne Auto in Stockelsdorf: 2 Erwachsene, 2 Kinder - kein Auto

Als vor 3 Monaten unser Auto den Geist aufgab, war der erste Gedanke: Wir müssen uns ein neues Auto kaufen! Einige Tage und schlaflose Nächte später dann die Erkenntnis: Müssen wir gar nicht!

Natürlich haben wir in der Zeit dazwischen die Gebrauchtwagenportale durchsucht, die Angebote für Elektro-Autos geprüft und sehr viel diskutiert. Aus ökologischen Gründen (im Klimaschutzkonzept der Gemeinde Stockelsdorf kann man es nachlesen: der Verkehrssektor verursacht in Stockelsdorf 42% der CO2-Emissionen[1]) und da unser Auto sowieso sehr viel vor dem Haus herumstand (wie so viele Autos: laut der Studie MiD aus dem Jahr 2017[2] werden gut 40 Prozent der Fahrzeuge an einem durchschnittlichen Tag nicht genutzt, die mittlere Betriebszeit pro PKW und Tag liegt bei ca. 45 Minuten) kam aber letztendlich nur eine Variante in Frage: kein neues eigenes Auto kaufen, weiter viel Fahrrad fahren, trotz Corona wieder den ÖPNV nutzen und Carsharing ausprobieren.  

Der erste Punkt ist eigentlich sehr einfach umzusetzen, das Schwierigste daran war die Entscheidung. Vorteil: Wenn kein Auto direkt vor der Tür zur Verfügung steht, benutzen wir es auch nicht für „Notfälle“ und Kurzstrecken, die sich eigentlich problemlos mit dem Rad bewältigen lassen. Der innere Schweinehund wird sehr effektiv ausgetrickst! Laut Umweltbundesamt sind in Großstädten 40-50% der mit dem Auto gefahrenen Strecken kürzer als 5km, eine Entfernung also, die sich gut mit dem Fahrrad bewältigen lässt und auf der das Fahrrad zumeist auch das schnellste Verkehrsmittel ist.[3]

Mit dem Rad haben wir auch vorher schon viele Strecken in der Nähe bewältigt: Arbeitsweg, Schulweg, Weg zum Kindergarten, Strecken zu Freizeitaktivitäten, Einkauf. Die Umstellung ist also nicht so groß. Und das ist ganz wichtig für die Zukunft: die Erfahrungen mit dem Fahrrad als Verkehrsmittel im Alltag von Kindern sind lt. MiD 2017 prägend für deren eigenes Mobilitätsverhalten auch in späteren Lebensphasen. Wenn laut dieser Studie also z. B. 43% der Kinder unter 10 Jahren mit dem Auto zur Schule gefahren werden geht also einem großen Teil der Kinder dieses Erlebnis verloren![4] Und ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen: wenn Kinder das Radfahren von klein auf gewohnt sind, sind sie echt fit und bewegen sich sicher, selbständig und selbstverständlich mit dem Rad im Straßenverkehr.

Bei den weiteren Strecken kommt dann der ÖPNV ins Spiel. Im Prinzip kein Problem, nur die Busanbindung z. B. an den Zug nach Hamburg ist von Stockelsdorf aus nicht gut, es ergibt sich zumeist eine halbe Stunde Wartezeit in Lübeck - sowohl auf dem Hinweg als auch auf dem Rückweg. Also mit dem Fahrrad zum Bahnhof? Zeitlich ist das viel besser, aber über Nacht doch etwas unsicher. Ich bin immer froh, wenn mein Fahrrad tatsächlich noch da ist, wenn ich zurückkomme. Eine Fahrradgarage wäre hier auf jeden Fall besser für die Nerven (und ist ja wohl auch langfristig geplant)! Sitzt man dann erstmal im Zug, ist es allerdings sehr entspannt.

Dann gibt es noch die Orte, die (mit Kind) weder mit dem Rad noch mit dem ÖPNV in akzeptabler Zeit zu erreichen sind. Und es gibt Dinge, die sich auf dem Fahrrad tatsächlich einfach nicht transportieren lassen. Hier kommt dann das Statt-Auto ins Spiel. Anmelden ist einfach, Benutzung auch kein Problem. Und man kann sich immer das passende Auto ausleihen, je nachdem ob ein Kleinwagen, ein Transporter oder ein Van mit vielen Sitzen benötigt wird. Einziger Haken: es gibt keine Statt-Auto Station (mehr) in Stockelsdorf! Von unserer Haustür bis zum nächsten Statt-Auto sind es 3,5 km. Klingt erstmal nicht weit, ist natürlich auch kein Problem mit dem Fahrrad, aber es kostet eine Menge Zeit. Besonders, wenn man dann immer noch zu Hause vorbeifahren muss, um den passenden Kindersitz einzubauen (der sich leider auch sehr schlecht auf dem Rad transportieren lässt…). Dennoch ist Carsharing eine praktische Alternative zum eigenen Auto, einfach mal ausprobieren: https://www.stattauto-hl.de/.

Eine interessante Frage ist natürlich: wie sieht es mit den Kosten aus? Ist das eigene Auto günstiger oder eine Kombination aus den oben genannten Alternativen? Diese Frage lässt sich eindeutig beantworten: ohne eigenes Auto sind wir eindeutig günstiger unterwegs! Einen Vergleich der unterschiedlichen Verkehrsmittel sowie der entstehenden Kosten findet sich z. B. beim VCD (Verkehrsclub Deutschland) https://www.vcd.org/service/kostencheck/  oder https://www.vcd.org/artikel/verkehrsmittel-im-vergleich/#c368 .

Insgesamt ist das Leben ohne eigenes Auto in Stockelsdorf sehr gut möglich, aber manchmal auch anstrengend und zeitaufwendig. Stockelsdorf ist durch seine Nähe zu Lübeck vergleichsweise gut angebunden, in den weiter außerhalb liegenden Ortschaften ist die Nutzung des ÖPNV sowie von Carsharing-Angeboten noch deutlich komplizierter und die Radstrecken deutlich länger, aber dafür könnte z. B. auch ein E-Bike zum Einsatz kommen!

Und ja: gelegentlich wird die Freude am Radfahren durch Wind und Regen etwas eingeschränkt, aber da hilft die richtige Bekleidung sehr viel!

Es macht auf jeden Fall durchaus Spaß, sich der Herausforderung zu stellen. Es würde noch mehr Spaß machen, wenn noch mehr Menschen ebenso handeln würden!

Also: Verkehrswende selber machen!

 

Merle Calmano


[1]

stockelsdorf.de/media/custom/2684_295_1.PDF

[2]

www.mobilitaet-in-deutschland.de/pdf/MiD2017_Ergebnisbericht.pdf

[3]

www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/nachhaltige-mobilitaet/radverkehr

[4]

www.mobilitaet-in-deutschland.de/pdf/MiD2017_Analyse_zum_Rad_und_Fussverkehr.pdf

 

 

 



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